Marga, *1928, Germany, Bremen, Arbeiterfamilie

Der Vater arbeitete zunächst als Schlosser bei der AG Weser, später bei der Kellner Holzhandlung und wartete die Maschinen. Der Vater war ein Gegner der aufkommenden Nazibewegung und verteilte Flugblätter auf der AG Weser (die war "rot"). Dafür wurde er als politischer Häftling für anderthalb Jahre ins Gefängnis gesperrt. In dieser Zeit wurde eine zweite Tochter geboren, Gerda, die mit nur 3 Monaten an Lungenentzündung starb. Dem Vater wurde auch verwehrt an der Beerdigung teilzunehmen. Damit hat er sein zweites Kind niemals sehen können. Während des Gefängnisaufenthaltes bekam die Familie 6 Reichsmark pro Woche von der Fürsorge. Damit ließ sich nur schwer leben. Beispielsweise wurde für dringend benötigte Schuhe ein Antrag bei der Führsorge gestellt, wobei "förmlich gebettelt" werden musste, damit der Antrag auch bewilligt wurde. Auf einer Weihnachtsfeier der Fürsorge gab es eine Tüte mit Süßes. Die Fürsorge sorgte auch für Schulbücher.

Wohnraum in den 1930ern:
Die Familie lebte in einer Wohnung ohne Badezimmer (aber eine Toilette war vorhanden). Die Miete betrug 33 Reichsmark pro Monat. Neben der Wohnküche gab es auch ein Wohnzimmer, das nur an bestimmten Tagen genutzt wurde: Weihnachten, Geburtstage, höherer Besuch. Das Zimmer hatte einen eisernen Ofen und neben Tisch und Stühlen auch ein Sofa (eine ganze Garnitur war zu teuer, daher wurden einzelne Stück über Jahre hinweg angeschafft). Die Lichtleitung verlegte der Vater selbst, aber nur in den nötigsten Räumen. Auf dem Flur nach unten war kein Licht. So war es ein Unterfangen, sich in der Dunkelheit bis in den Keller vorzutasten, um eingewecktes Gemüse zu holen.
- Das Leben spielte sich vor allem in der Wohnküche ab. Man wusch sich auch dort. Sonnabends wurde gebadet. Wasser wurde auf dem Ofen heiß gemacht und eine kleinere Metallwanne gegossen. Alle badeten im selben Wasser. Es wurde pro Person nur etwas abschöpft und heißes Wasser nachgegossen. Zuerst badete die Tochter, dann die Mutter, zum Schluss der Vater

Kindheit in den 1930ern:
- Marga sagt von sich selbst, dass sie ein Kind "voller Schabernack" war und ein schlechter Esser.
- Die Eltern züchtigten mit dem Rohrstock. Einst hörte Marga, dass es weniger weh tut, wenn man den Rohrstock mit Zwiebel einreibt. Daraufhin rieb sie ihn tatsächlich mit Zwiebel ein, hatte aber keinen Erfolg.
- Margas Spielzeug: Teddy, Puppe, Puppenwagen, kleines Puppengeschirr, kleiner Krämerladen für den Tisch, Ball und kleiner Webstuhl.
- Sie hatte kein Kinderzimmer, sondern schlief bei den Eltern, wo sie auch einen Nacht- und Kleiderschrank hatte.
- Marga mochte die Treffen im BDM (Bund Deutscher Mädel, Organisation für Mädchen im Dritten Reich, dessen Teilnahme zur Pflicht wurde) nicht. Sie wollte nicht dorthin und wurde praktisch "geholt". Besonders die "politischen Instruktionen" empfand sie als langweilig und unangenehm. Sie versuchte sie zu schwänzen, ging aber zu den Sportveranstaltungen.

Weihnachten in den 1930ern:
- Über die Weihnachtstage aß man ein Kaninchen und eingekochtes Gemüse aus dem Garten.
- Am Heiligabend gab es Kartoffelsalat.
- Es gab selbstgebackenen Bremer Klaben. Der hielt sich lange und man aß ihn nach Weihnachten auch noch auf Schwarzbrot. Manchmal hat er bis Ostern gehalten.
- Geschenke waren in der Regel Nützliches, wie Kleidung. Aber eine Kleinigkeit zum Spielen war immer dabei und ein Teller Süßes. Einmal gab es auch mal einen Ball, der ein paar von Mutters guten Weingläsern im Spiel zerstörte und später von anderen Kindern beim Spielen kaputt gemacht wurde. Ersatz gab es nicht. In einem Jahr gab es einen Puppenwagen, wofür die Eltern gespart hatten.
- Der Weihnachtsbaum stand im Wohnzimmer.

Kleidung in den 1930ern:
- Als Marga ungefähr vier Jahre alt war, hatte sie ein rosa Kleid, das ihr Vater in einem Putzmittelsack auf der Werft gefunden hatte. Die Mutter reinigte es und es bekam neue Manschetten und Kragen (siehe Bild rechts oben).
- Marga trug lange Strümpfe in beige oder braun. Die wurden bei Bedarf immer wieder gestopft.
- Um die langen Strümpfe zu halten hatte Marga Leibchen. Diese häkelte man aus Baumwollgarn selbst (sie wurden hinten geknöpft). Die selbst gemachten Leibchen hielten länger als die gekauften aus Stoff (wurden zumeist vorne geknöpft). (Selbstgehäkelte Leibchen trugen Margas Kinder noch in den 50er Jahren). Am Leibchen und an den Strümpfen war je ein Knopf. Mit einem Gummiband wurden Strümpfe jeweils an dem Leibchen befestigt.
- Die Unterhosen waren aus Trikotstoff, der an der Innenseite angeraut war. Sie saßen nicht eng am Köper, sondern erinnerten an "Pumphosen". Die Säume hatten einen Gummirand und schlossen so eng an. Marga mochte sie nicht.
- Als Marga kleiner war, hatte sie einen "Turnanzug" (einteilig, an den Schultern geknöpft, Unterteil nach Art einer "Pumphose") zum Spielen und Turnen.
- Beim Sport trugen Mädchen auch lange Trainingshosen.
- Für den Winter hatte Marga einen Wollmantel und selbst gestrickte Handschuhe, Schal und Mütze.
- Später bekam sie einen Lodenmantel. Wie traurig war sie, als er beim Spielen einen Riss bekam und zu Hause hätte das Ärger gegeben. So hat sie den Mantel sorgfältig geflickt und Mutter hat nichts bemerkt.
- Besonders waren Margas Gummischuhe in beige mit Reißverschluss an der Seite und mit Pelzbesatz.
- Häufig wurden "Jesuslatschen" getragen. Die erinnerten an Sandalen, hatten eine flache Gummisole und Lederriemen.
- Im Krieg musste man sich behelfen. Schuhe wurden selbst gebastelt. Dazu wurde Holz in Form einer Sohle geschnitten. Damit der Fuß abrollen kann, wurde diese Sohle in vier Stück gesägt und mit Lederstücken wieder zusammengefügt. In Art einer Sandale wurden Lederriemen angebracht.
- Kleidungsstücke gingen durch die ganze Familie. War ein Kind aus etwas hinausgewachsen, ging es an das nächste. Die Kleidung ging "reihum".

Wäsche in den 1930ern:
- Warmwaschtag war einmal im Moment (das war so in den 1930er, wurde aber bis in die 1950er fortgeführt). Das war schwere Arbeit: Zuerst wurde die Wäsche über Nacht eingeweicht (besonders schmutzige Wäsche wurde in Sodo aufgeweicht). Am nächsten Tag wurden die Wäschestücke zunächst ausgewrungen. Dann wurde die Menge mit Wasser und "Persil" im Kessel zum Kochen gebracht. Dann würde die Wäsche gestampft. Danach wurde jedes Wäschestück einzeln auf dem Waschbrett bearbeitet. Stärkere Flecken wurden mit einer Bürste bearbeitet. Wieder wurde die Wäsche ausgewrungen. Folgend wurde die Wäsche wieder im Kessel mit Wasser und "Sil" zum Kochen gebracht. Danach wurde die Wäsche in einem Bottich ausgespült, durch die Wringmaschine gezogen und schließlich zum trocken aufgehängt. Nach der Arbeit fühlte man sich "verschwitzt und kaputt und hatte furchtbar aufgeweichte Hände".
- Unten im Haus gab es eine Waschküche mit einem riesigen Bottich, der keinen Abfluss hatte. So musste er nach der Wäsche umständlich leer geschöpft werden.

Lebensmittel in den 1930ern:
- als das Geld besonders knapp war, wurde Margarine selbst aus Öl hergestellt, was preisgünstiger war. Mit Karottensaft wurde sie gelb gefärbt.
- wenn der Vater mal Lust auf Bier hatte, ging die Mutter mit dem Milchtopf zur Kneipe unten im Haus.
- Fleisch gab es nur einmal die Woche. War mal ein Huhn geschlachtet worden, brachte dies auch noch eine Hühnersuppe.
- Oft gab es Eintopf, auch mal Kartoffelsuppe mit Gekochte (Fleischwurst).
- In den 30ern sah Marga nicht einmal bei ihrer Mutter eine Tafel Schokolade, von Pralinen ganz zu schweigen. Das konnte sich die Familie nicht leisten.
- Zu Ostern wie zu Weihnachten gab es einen Teller Süßes.
- Onkel Willi aus Rehburg war Schlachter (genau genommen Hausschlachter im Sommer und Maurer im Winter) und konnte gut Schinken und Wurst machen, wovon er etwas mitbrachte. Diese Vorräte mussten auch durch die Zeit helfen, als der Vater fort war.
- Nicht nur zur Kriegszeit aß man Brotsuppe, die warm verzehrt wurde. Kein Brot warf man fort. Die Suppe wurde mit Rosinen, vielleicht etwas Butter, Fenchel und Wasser gekocht. Es war Margas Lieblingssuppe und sie isst sie noch heute (2005). Heute macht sie sie allerdings mit Milch und Sahne
- Der Vater hatte ein Hobby: Er stellte aus Früchten Wein selbst her. Aus Holunderblüten wurde eine Art "Sekt" gemacht.
- Richtige gekaufte Limonade war ein äußerst seltener Luxus. Marga hat in ihrer Kindheit vielleicht drei Flaschen davon bekommen, mehr nicht.

Lebensmittel im Krieg und in der Nachkriegszeit:
- Im Krieg hatte die Familie durch den Kleingarten (die Familie hatte zwei Parzellen: eine in der Waller Fleht, wo Gänse gehalten wurden und eine in der Nähe der Wohnung, wo es auch Hühner und Kaninchen gab und eine Katze, die die Mäuse dezimierte) noch Früchte, die zu Marmelade gekocht wurden. Die war allerdings so dünn, dass sie vom Brot lief.
- Es gab in den Gaststätten das "Heißgetränk", ein Art "buntes Wasser", noch anders als Limonade. Ob aus Frucht oder Chemie weiß Marga nicht.
- In der Nachkriegszeit fuhr man früh morgens 10 Kilometer mit der Bahn zu Könecke (Fleischfabrik) am Brill, wartete in einer sehr langen Schlangen, um etwas Wurstbrühe zu ergattern. Es konnte aber auch geschehen, dass man umsonst gewartet hatte, weil man nichts mehr abbekam.

Im Krieg:
- 1941 ging Marga mit der ersten Kinderlandverschickung für ein 3/4-Jahr zum Wolfgangssee, Österreich. Dort lebten die Kinder in einer Villa, in der zuvor eine jüdische Familie gelebt hatte. Die vielen kleinen Zimmer waren mit Hochbetten bestückt (2 x 3-stöckig).
- Pflichtjahr 1943: Im Pflichtjahr erhielt Marga 15 Mark Lohn pro Monat. Zunächst arbeitete sie bei einem Bauern in Strom. Dort musste sie beispielsweise die Kühe melken, die Nachttöpfe leeren, über die großen Bauernschränke zum Staubwischen klettern oder oben auf dem Heuwagen das Heu entgegennehmen. Danach musste sie das Pferd antreiben und den vollen Wagen zum Hof bringen. Durch die harte Arbeit und den dafür geringen Lohn wurde sie ausgenutzt. Es waren auch die kleinen Dinge, die dazu beitrugen, sich dort nicht wohl zu fühlen: War Salat auf dem Tisch, aßen die Bauern ihn mit Sahne, Marga bekam ihn nur mit Buttermilch. Als ihr dann noch vorgeworfen wurde, angeblich Butter gestohlen zu haben, verließ sie den Hof. Sie ging zu einem Lehrer. Dort war sie zufrieden, denn er war nett. Es gab auch nur eine Kuh zu melken, aber es war nicht einfach, die großen und schweren Milchkannen zur Straße zu schleppen, da sie sehr weit entfernt lag.
- Die Familie wohnte in der Nähe der AG Weser. Da der Weg recht weit zum Bunker war, blieben sie bei Bombenalarm zunächst zu Hause. Als die Bombenangriffe häufiger wurden, machten sich Mutter und Tochter mit Fahrrädern in Richtung Bunker auf. Der Vater blieb zu Hause (Ein englischer Besatzungssoldat nahm Marga das Fahrrad später weg und sie sah ihn mehrfach damit fahren. Es lag nicht in ihrer Macht es zurück zu bekommen). Der ihnen nächste Bunker war die "Getreideverkehrsanlage". Abends ging man mit Kleidung schlafen, um bei Alarm bereit zu sein. Es gab einen Voralarm und einen Hauptalarm, nachdem die Angriffe aber immer öfter kamen, wurde nur noch Hauptalarm gegeben. Am Himmel standen die "Tannenbäume" (Dies war eine Art Leuchtmunition, die die feindlichen Flugzeuge abwarfen um folgenden Flugzeugen die Ziele zu weisen). Vor dem Bunkereingang bildeten sich lange Schlangen. Leute standen noch draußen, wenn die Bomben schon fielen. Marga erinnert sich, dass Luftschutzwarte, die eigentlich die Leute einlassen sollten, zuerst in den Bunker liefen, wenn Frauen und Kinder noch draußen standen.
- Phosphorbomben waren Brandbomben.
- Je stärker die Luftangriffe wurden, umso mehr war kaputt und je häufiger brannte die Stadt. Besonders sind Marga die vielen verbrannten Toten geblieben, die "so klein geworden" waren.

Ausflug in die 1900/10er:
Margas Mutter kam aus einer nicht vermögenden Familie mit vielen Kindern. Es war schon etwas Geld vorhanden, blieb aber auf der Bank. Der Vater war "geizig", aber hat in der Inflation dennoch alles verloren. Alle paar Jahre kam ein Kind. Vier Mädchen schliefen in einem Bett ohne richtige Zudecke. Der Vater wurde im ersten Weltkrieg eingezogen. Die Mutter hatte Rheuma und kam während des Krieges in Krankenhaus. Nachdem sie von den Krankenschwestern in einem Moorbad vergessen worden war, bekam sie Lungenentzündung und starb daran im Alter von 29 Jahren. Der Vater heiratete erneut, aber die neue Ehefrau (eine Schwester der ersten Frau) starb zwei Jahre später. Er heiratete ein drittes Mal, erneut eine Schwester. Diese Ehefrau mochte die schon vorhandenen Töchter nicht und war nicht nett zu ihnen. Vielleicht war sie überfordert. Bei der Heirat war sie sehr jung und hatte bislang nur bei einem Grafen weniger Kinder unter wesentlich angenehmeren Umstanden betreut. Sie bekam einen Sohn und bevorzugte ihn gegenüber den Töchtern. Beispielsweise kochte sie ihm, was etwas Besonderes war, Kakao und das vor den Augen der Töchter, die nichts davon bekamen. Da das Essen allgemein knapp war und die Kinder hungrig, holte Margas Mutter, wenn ihre Stiefmutter mit dem Vater in Kino ging, Kartoffeln aus dem Keller und kochte sie für ihre Geschwister. Dafür musste sie später jeweils Prügel einstecken. Die Küche war so klein, dass die Mädchen teilweise im stehen essen mussten.

Marga erzählte uns ihre Erinnerungen in mehreren Gesprächen über das Jahr 2005. Dafür sind wir sehr dankbar.

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